Die Angst vor den Dingen

Der Hund lässt sich nicht bürsten, nicht anleinen oder tickt aus, wenn er eine Spritze bekommen soll. Das ist eine häufiges Problem - und egal, wie gut ein Hund erzogen ist, wie sehr er seinem Menchen eigentlich vertraut - Gegenstände oder Situationen lösen bei manchen Hunden Panik und heftige Gegenwehr aus. Was tun? Da "muss er durch"?

Bei vielen Hunden kann man ja durchaus mit "Augen zu und durch" eine Gewöhnung an unangenehme Prozeduren erreichen. Blacky ist so ein Kandidat. Der lässt sich zwar nicht locken oder mit Futter bestechen, und versucht dem Ganzen erst mal auszuweichen - wehrt sich aber auch nicht, lässt alles machen und findet es von Mal zu Mal erträglicher. Nach dreimal Abduschen ist er von alleine in die Wanne geklettert. Blöd - aber muss halt. Solche Hunde lernen aus der Erfahrung: Es war ja nicht so schlimm. Und sie sind kleine "Folger": Wenn du sagst, das muss, dann muss es halt, seufz.

Es gibt aber auch Hunde, die nach jeder "Da muss er durch" Aktion panischer werden und nur noch  heftigere Gegenwehr leisten. Das sind die Kandidaten, die einen starken "Fight or Flight" Impuls haben. Sei es, dass sie vom Charakter her einfach so sind, was überhaupt nichts schlechtes ist, oder dass sie schlimme Erfahrungen gemacht haben und zutiefst misstrauisch sind.

Der zweite Typ ist leicht zu erkennen, er wird in vielen Situationen Ängste zeigen, die es geduldig abzubauen gilt. Dafür haben die meisten Halter intuitiv Verständnis.

Der erste Typ dagegen wird oft völlig falsch eingeschätzt. Solche Hunde sind nämlich weder unbedingt ängstlich im Wesen, noch traumatisiert, noch haben sie eine schlechte Bindung oder kein Vertrauen (gute Bindung und Vertrauen helfen natürlich, aber sie sind hier nicht die Wurzel des Problems). Sie sind oft willenstark, "haben Charakter", wie es heisst.

Diese Hunde kommen nicht damit klar, überrumpelt zu werden. Sie wollen und müssen wissen, was mit ihnen geschieht, und sie können ihre Emotionen, den Impuls zur Flucht oder Gegenwehr, nur beherrschen, wenn man sie mitdenken lässt (sie müssen in der grünen Zone sein). Weil sie aber sonst oft so robust wirken, werden ihre Sorgen übergangen - bis sie es einfach nicht mehr aushalten.

Für diese Hunde ist nicht das Bürsten schlimm, oder der Pieks, sondern die schlichte Tatsache, dass sie hilflos einer Situation ausgeliefert wurden. Völlig egal, ob es schmerzhaft war oder nicht. Und jedes Mal, wenn ihr "Fight or Flight" Impuls einfach unterdrückt wird, machen sie wieder diese Erfahrung, überrumpelt zu werden - beim nächsten Mal wird ihre Reaktion daher früher und heftiger kommen. Das führt extrem schnell zur Eskalation. Das ist oft die Vorgeschichte, wenn Leute sagen: "Mit so einer Reaktion habe ich gar nicht gerechnet!"

Aber nun kann man ja nicht direkt wieder mit dem Bürsten aufhören, nur weil der Hund nicht überrumpelt werden will - dann hat der Hund ja gewonnen! Man muss ihm zeigen, dass er damit nicht durchkommt! Oder?

Hier kommt eine unglaublich nützliche und einfache Strategie ins Spiel: Annäherung und Rückzug.

Im Grunde schliesst man einen Vertrag mit dem Hund. Der lautet: Ich gehe nur so weit, wie du es ertragen kannst. Dessen muss sich der Hund sicher sein.
Ich verlange als Gegenleistung, dass er sich mit mir und dem angstauslösenden Gegenstand auseinandersetzt. Ich höre nicht auf,  gehe aber konsequent immer nur soweit, wie es geht. Und jedes Mal ein winziges Stück weiter.

Wenn man diese Strategie wirklich in allen Lebenslagen anwendet und absolut konsequent bleibt (und nicht doch mal eben schnell zulangt!), kann man die Grenzen des Hundes - was er  bereit ist, zu ertragen - sehr schnell verschieben.

Wichtig: Das ist kein Training, das man einmal macht und dann ist es gut, sondern es ist eine Art des Umgangs, Regeln, die lebenslang und immer gelten sollten. Es wird mit der Zeit immer schneller gehen, neue Reize zu verarbeiten - aber man kann nicht einfach zu alten Überrumpelungsstaktiken zurückkehren.

Und wie sieht das in der Praxis aus?

Nehmen wir mal das Bürsten.

Der Hund sollte gesichert sein, damit er nicht ganz weglaufen kann, aber nicht fixiert. Also an der langen Leine, aber nicht am Halsband festhalten.

Man nimmt die Bürste und nähert sich damit. Und jetzt genau hinschauen: Betrachtet der Hund die Bürste, will sie beschnuppern? Alles gut. Weiter mit dem nächsten Schritt.

Oder erkennt man eine Anspannung? Zurückweichen, auch nur einen Millimeter? Abwenden des Kopfes? Anspannung der Muskeln? Zusammenkneifen der Augen? Je besser man die kleinsten Signale erkennt, um so effektiver das Training.

Wenn eine solche Reaktion kommt, entfernt sich die Bürste wieder. Nicht ganz, sondern bis genau zu dem Punkt, an dem keine Anspannung mehr erkennbar ist. Dort bleiben, Pause machen.

Wenn der Hund sich sogar entfernt hat, auf keinen Fall!! hinterher gehen. Keinen Millimeter. Sondern selbst zurückweichen, den Hund einladen, sich wieder zu nähern. Alles ist erlaubt, auch Futter. Es darf nur NIE eine Ablenkung sein. Auf keinen Fall vorne Futter hinhalten, damit man schnell schnell hinten die Klette rausziehen kann.

Aber man darf und sollte jede winzige Annäherung des Hundes  loben und, wenn der Hund Futter nimmt, belohnen. Futter ist allerdings niemals stärker als der Fight/Flight-Impuls! Es ist immer nur eine zusätzliche, aber zweitrangige Unterstützung.
(Wer clickert, kann das wunderbar einbeziehen: immer clicken, wenn sich der Hund aktiv zuwendet oder nähert oder sich sichtbar entspannt. Aber nicht in der Anspannung clicken! Hier ist Timing wirklich wichtig).

Wenn der Hund sich wieder entspannt, nähert sich die Bürste (die Leine, die Spritze) wieder. Man kennt ja nun den Punkt, an dem der Hund sich anspannt. Also kurz davor verharren. Einen Moment warten. Bleibt der Hund entspannt? Dann noch ein bisschen weiter - und sofort wieder zurück, zum "sicheren" Punkt. So zeigt man dem Hund: Ich sehe, dass du dich gleich anspannst. Alles gut, ich respektiere das.

Die Entspannung wird nun immer schneller eintreten, da der Hund ja nun weiß, dass er nicht plötzlich doch noch überfallen wird. Wenn nicht: Kleinschrittiger werden! Und ruhig bleiben, weder zögerlich noch hektisch werden. Immer dem Hund erlauben, zu sehen, was vor sich geht. Annäherung von oben und schnelle Bewegungen vermeiden. Die eigene Körpersprache und Atmung im Griff haben. Und Geduld, Geduld, Geduld.

Es kann durchaus sein, dass man beim ersten Üben mit der Bürste nur in die Nähe kommt und noch keine Berührung möglich ist. Oder nur eine Berührung, aber kein Bürsten geht. Das macht nichts. Wichtig ist, dass die Entspannung nach der Anspannung schneller eintritt, als am Anfang. Nicht zu lange üben. Aufhören, bevor es wieder schlechter wird, Zeit geben, die Erfahrung zu verarbeiten. Lieber oft als zu lange üben. Auf die Tagesform achten!
Manche Hunde reagieren auf jeden neuen Gegenstand angespannt. Manche reagieren sogar jedes Mal auf bekannte Gegenstände wieder angespannt und brauchen die Rückversicherung, dass die Verabredung noch gilt.

Wenn es gut läuft, kann man sich so nach und nach immer weiter rantasten. Annähern - Anspannung - Rückzug - Entspannen. Man verschiebt die Grenze nach und nach immer weiter, ohne den Hund jemals in die Fight or Flight Reaktion zu zwingen. So lernt der Hund ein neues Muster: Etwas auszuhalten, statt sich zu wehren oder zu flüchten. Er lernt, seine eigene Flucht/Gegenwehr-Distanz zu verringern (die grüne Zone auszuweiten, in der er nachdenken und lernen kann, statt instinktiv zu reagieren).

Je öfter man nun dieses Muster im Alltag einbaut, um so normaler wird das neue Verhalten für den Hund. Jedes Halsband anziehen, jedes Anleinen, jedes Anfassen: Weicht der Hund zurück? Auch nur ein kleines bisschen? Ein Zucken? Ein Augenkneifen? Sofort aufhören, einen Schritt zurück, den Hund kommen lassen. Lernen, genau zu erkennen, wie der Hund sich mit neuen Reizen auseinandersetzt, wie schnell er sich anspannt, wie lange er braucht, um sich zu entspannen.

Ganz genauso kann man mit Angst oder Stress Auslösern umgehen, auf die man sich zubewegt, oder die sich nähern. Man erlaubt einen Rückzug des Hundes, aber nicht soweit, wie der Impuls es diktiert, sondern nur gerade so weit wie nötig, um den Hund wieder ansprechen zu können. Und startet dann  eine erneute Annäherung.

Die wiederholte Erfahrung, dass seine Anspannung und sein kurzer Zweifel wahrgenommen wird, dass man ihm eine Wahl lässt, dass er nicht überfallen wird, dass er Zeit bekommt, sich zu entscheiden, ist extrem vertrauensbildend. Jeder Verrat ist aber dafür umso schlimmer.

Richtig blöd wird es natürlich, wenn man z.B. beim Tierarzt, selbst in eine Situation gezwungen wird, die man nicht kontrollieren kann. Hier muss man den Mut haben, Stopp! zu sagen, um eine kurze Pause zu bekommen, bevor es für den Hund nicht mehr aushaltbar wird. Besser, man nimmt sich fünf Minuten, um mit der Spritze ein Annäherungs-Rückzug-Spiel zu spielen, als dass man den Hund beim nächsten Mal nicht mehr auf den Tisch bekommt.

Wenn ein Tierarzt dafür kein Verständnis hat, und es nicht gerade um Leben und Tod geht - abbrechen. Es gibt Tierärzte, die sehr wohl bereit sind, beim Umgang mit dem Tier auf die Besitzer zu hören. Und es gibt welche, die... naja.

Eine sehr gute Vorbereitung - zuhause mit einer leeren Spritze üben, Piksen mit einem Zahnstocher üben, Abhören, das Festhalten und Fixieren, Maulkorb anlegen usw - hilft natürlich. Und sollte es tatsächlich unangenehm werden: Nicht sofort fluchtartig den Raum verlassen, wenn es vorbei ist, sondern dem Hund wenigstens die Gelegenheit geben, sich in der Situation noch zu beruhigen und das gelernte Muster wieder zu finden (ein Annäherung-Rückzug-Spiel mit dem Tierarzttisch spielen), um den Fluchtimpuls nicht zu verstärken.

Es klingt kompliziert und langwierig, ist es aber meistens gar nicht. Und es lohnt sich!

Übrigens: Auch für die Kandidaten, die es gar nicht zu brauchen scheinen....Mit Blacky spiele ich das Spiel oft. Obwohl er sich alles gefallen lässt, ist es besser für ihn, wenn er sich selbst überwinden lernt, statt gezwungen zu werden.


Kommentare:

  1. Hallo, Gott sei Dank kenne ich das bei meiner Bulldoggendame nicht. Lady ist hier sehr problemlos. Egal ob Krallen gestutzt werden, sie beim Arzt eine Spritze bekommen: sie ist da total relaxt, Hauptsache ich bin dabei und habe ein leckeren Keks. Aber ich höre auch immer wieder von Bekannten das deren Hunde hier ängstlich sind. Mit viel Liebe und Geduld muss man hier rangehen....Schönen Tag LG Claudia

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  2. Hallo Sibylle,

    genau so ist es; und zu oft würde ich in dieser Situation einfach mit meinem Hund sprechen - stell dir mal vor, das wäre möglich :-)

    Viele Hunde fangen dann jedoch wie wild an zu bellen und versteifen sich voll und ganz darauf, das ist dann auch das falsche..

    Viele Grüße
    Julia

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    1. Ich glaube, ich verstehe nicht ganz, was du sagen willst?
      Wenn der Hund wie wild bellt, bist du auf jeden Fall schon ungefähr 100 Schritte zu weit gegangen.
      Mit dem Hund sprechen kannst du natürlich, wenn euch das beruhigt.

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